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Die kleine Kapelle liegt inmitten der Weinberge über dem Maintal. Meine Frau und ich müssen ziemlich bergan steigen, um sie zu erreichen. Die Mühe lohnt sich allerdings. Die goldene Oktobersonne beglänzt sie auf unserer Tour mit ihren letzten warmen Strahlen. Als wir in ihr helles Inneres eintreten, nimmt sie uns hinein in eine jahrhundertealte sanfte Stille. Alles in ihr drückt ein ehrliches Willkommen für uns Wanderer aus.

Das farbige Fenster im Chorraum verstärkt diesen Eindruck noch: Ein modern dargestellter Christus segnet alle, die hier verweilen. Indem ich dieses Fenster schweigend betrachte,  erklärt sich mir die Jahreslosung sinnenfällig: „Wer zu mir kommt, den werde ich  nicht abweisen.“ Diese kleine stille Kirche schließt für mich wortlos die Wärme dieses Christuswortes auf. In Christi Nähe sein und gesegnet werden. So einfach ist auf einmal alles und so direkt geht es zu Herzen. Christus lädt mich und dich ein, zu ihm zu kommen, ohne dass wir Vorbedingungen erfüllen müssten. Das kann überall geschehen und nicht nur in solch einer schönen Kirche. Mit allen unseren Bekümmernissen können wir zu ihm kommen, mit allen ungelösten Fragen, mit aller Verzagtheit…. Mit allem eben, was uns gerade ausmacht. So dürfen wir ihm nahetreten. Seine Tür bleibt geöffnet. Ganz anders als etliche Türen bei uns! Wie vor verschlossenen Türen mögen sich manche Menschen fühlen: eine alleinerziehende Mutter, der das Geld für die Klassenfahrt ihres Kindes fehlt. Ein neuzugezogenes Paar, das partout keinen Anschluss in der Dorfgemeinschaft findet. Die Menschen auf ihrer lebensgefährlichen Flucht, die im Wald und vor Stacheldraht endet. Jesu wärmende Botschaft berührt mich angesichts vieler solcher verschlossenen Türen und kalten Schultern tief im Gewissen. Sie malt vor mein inneres Auge geradezu ein Gegenbild zu den vielfachen Abschottungsversuchen, mit denen wir uns menschliche Not auf Abstand halten  möchten. Zu ihm zu kommen, kann dagegen niemanden kaltlassen. Vor ihm tritt ja unser eigener Mangel erst recht zutage. Unser Mangel an Selbstwertgefühl, an Großherzigkeit und an Vertrauen in Gott und das Leben. Aber gerade in unserem Mangel werden wir von ihm eben nicht abgewiesen. Er duldet ihn nicht einfach nur; nein: Er segnet uns stattdessen mit allem Mangel. Er füllt unseren Mangel aus, und zwar: Mit sich! Mit seinem Lieben, seinem Vertrauen, seinem Leben. „Wer zu mir kommt, den werde ich  uferwecken am jüngsten Tag“, sagt Christus später. Hier wird unser größter Mangel aufgefüllt: Die eigene Sterblichkeit mit seinem Leben. So wünsche ich mir für das neue Jahr, dass wir seine Einladung in unserem Miteinander immer wieder Gestalt werden lassen. Dass wir niemandem im Wege stehen, der sich zutiefst ersehnt, trotz allem, was ihm fehlt, willkommen geheißen zu werden. Bei IHM und darum auch bei uns. Ich wünsche uns allen ein gesegnetes neues Jahr 2022.

Ihr Superintendent Peter-Thomas Stuberg

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